Warte kurz. Das kann doch alles nicht angehen. Irgendwo muss ich dieses verdammte kleine Teil doch haben. Gestern lag es noch auf meinem Nachtschrank. Heute ist es weg. Ich habe es nicht bewegt. Vielleicht hat es sich heimlich von selbst davon gestohlen. Hat einfach ohne mich zu fragen eine eigene Seele entwickelt und ist dann von dem Holz imitierenden Nachtschrank einfach auf den Boden gehüpft und davon gestapft.
Es wäre im Bereich des Möglichen. Das müsste sogar mein Physiklehrer zugeben, auch wenn er im selben Atemzug ein Referat darüber beginnen würde, wie unwahrscheinlich es doch wäre, dass leblose Materie einfach mal so zu Leben beginnt.
In diesem Zusammenhang fallen mir natürlich umgehend die magischen Erklärungen ein, wie es sich mit Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit verhält. Phasenverschiebungen und so weiter. Ein Mensch kann ja auch theoretisch durch eine Wand gehen, weil der Abstand der Atome zueinander so riesig ist. Nur die Wahrscheinlichkeit ist eher geringer.
Vielleicht sollte ich mich mit der Tatsache anfreunden, dass ich mich eines Tages an eine Wand lehne und halb darin versacke, weil ich zufällig einmal die Hälfte der Wahrscheinlichkeit abgedeckt habe. Ich würde mir dann glaub ich ziemlich blöd vorkommen.
Doch das Problem steht erstmal an zweiter Stelle. Ich suche dich du verdammtes kleines Ding. Schon eben habe ich die bestimmt fünfzehnte Runde beendet in der ich nach dir Ausschau halte. Selbst im Kühlschrank und der Gefriertruhe im Keller habe ich nach dir gesucht. Hatte ich dich heute nicht auch schon in der Hand?
Ich habe auch in den hintersten Ecken gesucht und doch bleibst du vor mir verborgen. Wo nur? Ja wo nur ist es? Dieses Stück! Ich sehe dich mich auslachen. Ich weiß es. Du tust es du lebloses Stück Metall. Irgendwo kicherst du dir in deine nicht vorhandenen Hände.
Du verdammtes Etwas. Ich bin nicht auf dich angewiesen. Ich kann auch ohne dich ganz gut durchs Leben kommen. Hörst du? Ich brauch dich nicht. Bleib doch wo der Pfeffer wächst!
Ich lasse mich von dir nicht demütigen. Der moderne Mensch ist nicht hilflos ohne Hilfsmittel.
Verdammt komm doch zurück du blödes Teil. Ich versprech dir auch in Zukunft besser auf dich aufzupassen. Ehrlich. Das neulich in der Straßenbahn war ein Versehen. Ich weiß auch nicht. Mein Kopf tat weh vom ganzen Tag Arbeiten und ich hab einfach nicht an dich gedacht beim aussteigen. Aber wirklich nur diese zehn Sekunden, bis mir vor Augen kam, dass du mir fehlst und ich der Bahn hinterherlief.
Es ist doch nicht so, dass ich dich nicht wertschätzen würde. Ich bin wirklich gern mit dir zusammen. Wir haben schöne Zeiten miteinander gehabt. Wir haben viele schöne Dinge gesehen. Oh ja Sonnenaufgänge. Weißt du noch? Letztes Jahr in den Bergen, wo die Sonne erst langsam über den Horizont wanderte. Immer an ihm entlang. Fast schon schüchtern und dann in voller Helle und Glanz hervorbrach? Erinnerst du dich daran noch? Wir könnten einfach ins Auto steigen. Jetzt sofort. Doch dafür brauche ich dich.
Lass uns gemeinsam ausbrechen. In die Berge. Ja. Zur Natur.
Sonst suche ich mir eine Neue. Ich machs wirklich. Und die wird mir treuer sein. Wenn du dann wieder auftauchst, dann wirst du vielleicht meine Nebenbrille. Oder auch nicht. Ja. Du wirst dann überflüssig und ich schau dich nicht mehr an. Auch wenn ich dann endlich wieder sehen könnte und mich nicht an allem abstützen müsste und mich tastend blind wie ein Maulwurf vorwärts bewege. Immer in der Furcht lebend, dass grad jetzt die Physik sich dran erinnert, dass jede Unwahrscheinlichkeit doch auch irgendwo eine Wahrscheinlichkeit ist.
Es ist zum Haare raufen. Haare. Da war was. Ach egal. Ich muss dringend noch mal eine Runde drehen. Ich fang im Schlafzimmer an. Vorsichtig durch die Tür und dann weiter. Hoffentlich liegst du nicht dann doch irgendwo wo ich drauf trete. Oder durchtrete, dass ich dich dann noch an der Hacke habe.