Der Schnee war noch frisch und knirschte unter den Füssen. Wie der Bug eines Schiffes bohrten sich unsere Füße in das reglose Meer aus weichem Schnee auf dem großen Platz vor dem riesigen Gebäudekomplex auf den wir zusteuerten. Hinter uns waren einige Schneeflocken damit beschäftigt den Schaden an der weißen Decke wieder zu relativieren. Tanzend und taumelnd in unsere Schritte zu fallen.
Wir waren eindeutig die ersten, die es nach Beginn des Schneefalls in diesen großen Hof getrieben hatte. Das Gebäude vor uns, hinter uns und um uns schien uns zu schützen. Vor der Welt. Vor der Stadt um uns herum. Hier war Ruhe. Nur dumpf pochte das Leben der Stadt mit seinen Geräuschen an unsere Ohren. Weit weg und nicht wichtig in diesem Moment. Der Schnee und das Mauerwerk um uns herum filterte alles, was unsere Herzen nicht übertönen konnten.
Nicht das es wichtig gewesen wäre. Seit sich unsere Finger vor einigen Minuten berührt hatten war die Welt sowieso nur noch ein dumpfer Schatten. Es war schon dunkel geworden. Als wir uns vor endlosen Stunden in einem Restaurant getroffen hatten um einfach nur ein wenig zu quatschen war der Tag noch in Gange. Nicht das im Winter bei einer geschlossenen Wolkendecke jemals so richtig Tag zu sein schien, aber die Nacht war doch noch ein Unterschied. Hell leuchteten die Laternen des Hofs uns den Weg zu unserem Ziel. Sie schafften einen künstlichen Tag. Eine Blase im Winter. Abgeschlossen und nur für uns.
Ich konnte es gar nicht fassen, dass ihre Hand sich nun an meine schmiegte. Mein Herz zersprang bei jedem Schlag. Und jeder Schlag pochte ihren Namen in jede Zelle meines Körpers. Es gab nur sie und mich in diesem speziellen Moment. Ich spürte ihre Finger. Ihre Finger berührten mich und jedes Mal schien es zu knistern, wenn unsere Haut aneinander vorbei strich. Noch immer spürte ich das Neidgefühl in mir, das ich hatte weil ihre Hände in dem Restaurant immer wieder den Becher mit heißem Getränk umschlossen hatten. Sich an diesem leblosen Objekt statt an mir wärmten.
Ihre Hände perfekt für mich wie alles an ihr. Warm und weich und unverständlich nicht geliebt von ihr. Doch von mir. Sehnsüchtig erwartet und erfleht in endlosen Momenten. Doch nur die Wärme der Tasse durchdrang ihre Haut. Noch vor nicht allzu langer Zeit.
Die Wärme des Restaurants entwich nun langsam von uns und gab sich dem Winter hin, doch das war egal. Ich stand neben ihr und schaute mich in diesem riesigen Hof um. Schaute mir das mächtige Bauwerk an. Warme Rotbraune Steine und kühles klares Glas, das Moderne und Klassik verschmelzen ließ wie ihre und meine Finger miteinander. Ängstlich prägte ich mir jedes Detail ein. Traute mich nicht zu ihr zu blicken aus Angst diesen mächtigen Moment zu zerstören. Dieses Gefühl mit ihr zu sein. Dieses Gefühl endlich vollkommen zu sein, das von ihr ausstrahlte.
Eigentlich durfte das hier alles nicht sein. Es war nicht richtig in der Welt da draußen und doch ist es das in dieser kleinen Welt hier. Es ist egal. Dieser Moment würde für immer andauern und deswegen konnte ich sie auch ansehen. Und das tat ich. Ich schaute in ihre großen wachen Augen. Sie waren bildhübsch und dunkel. Geheimnisvoll und doch offen. Sie funkelten mich an. Niemanden sonst. Mich. Das Universum ihres Blickes nur auf mich fokussiert und keine Kälte dieser Welt hätte mich frösteln können. Sie spendete mir Wärme und doch zog es mich näher zu ihr hin. Ich weiß nicht wie lange ich in ihre Augen schaute.
Ich habe keine Ahnung ob es Sekunden oder Minuten waren. Der Schleier der Zeit und der Wahrnehmung hat sich über all das gelegt. Wer will schon wissen wie lange er die Herrlichkeit betrachtete, wenn er dieses Bild fest in das Gehirn eingebrannt hat und kein Schicksal dieser Welt das jemals verklären könnte.
Dann sanken wir jedem dem anderen in den Arm. Ihr Geruch. So oft schon gerochen und nun doch völlig neu. Sie war hier und ich auch. Und doch war alles so unwirklich. Ich vergrub meine Nase in ihrem Hals an ihrem Schal vorbei. Ich roch ihr Shampoo und ihre Haut. Ihre warme weiche Haut, die mir verhieß dass es noch viel mehr von ihr gibt und das sie viel mehr ist als bloß die Hülle eines Menschen.
Ich konnte nicht anders. Ich musste ihre Haut mit meinen Lippen berühren. Aufgeregt und mit pochendem Herz traute ich mich. Ich küsste ihren Hals. Hielt inne. Schmeckte sie und hielt diesen Moment tief in mir fest. Ich wusste nicht was passieren würde. Wie würde sie reagieren. Mein Herz schlug einmal dumpf und dann blieb die Welt stehen. Ich starb in diesem kleinen Moment. War nicht mehr in dem Gefüge, das wir eigentlich als Zeit kennen. Endlos verharrte ich. Gefangen in dem Herzschlag voller Freude über diesen Kuss und voller Angst vor der Reaktion.
Dann spürte ich die Wiederbelebung. Ich konnte es nicht fassen. Süß und weich reanimierte sie mich. Ihre Lippen erkundeten meine Wange. Ich kann es heute noch spüren. Nach so langer Zeit ist dieser Moment noch immer präsent. Sie küsste mich und ehe ich mich versah schlug mein Herz wieder. Sie hat mich gerettet aus diesem Moment in dem ich ewig verloren gewesen wäre ohne Sie.
Und dann geschah alles wie automatisch. Unsere Münder näherten sich. Noch ein kurzer Blick in die Augen. Ein blitzendes Einverständnis und dann berührten sich weich und warm unsere Lippen. Es war herrlich und so leicht sie zu küssen. Ich kann gar nicht beschreiben wie es sich anfühlte. Worte sind nicht genug dafür, was dieser Moment für mich bedeutete.
Ich sah alles an mir vorbeiziehen, was mit ihr zu tun hatte. Ich sah sie jedes Mal wenn sie lächelte. Auch zu den Zeiten wo sie nicht mal wusste, das es mich auf dieser Welt überhaupt gibt. Wo ich mich verstohlen an ihrem Sonnenschein wärmte und doch nicht zu hoffen wagte jemals mich offen an ihr laben zu können.
Ich habe sie beobachtet. Sie studiert. Und doch war jetzt in diesem Moment alles neu. Feuer brannte in meiner Brust und unsere Zungen übertrugen die Hitze hin und her.
Sie tanzten mit einer Leichtigkeit, die kein Mensch jemals auf zwei Beinen nachtanzen können würde. Noch so beschwingte leichte Musik würde nicht dazu verlocken können das hier nachzufühlen. Wärme, Hitze, wohlig weiche Lippen und so viel Liebe in der Luft.
Doch wie bei jedem freudigen Tanz, wie bei jedem feurigen Fest war irgendwann Schluss. Voller Seelenqual klammerten wir uns aneinander. Dieser Moment würde uns für immer verbinden und doch wollten wir ihn nicht loslassen. Noch nicht gehen. Noch nicht den Weg wieder in das Leben suchen, der uns wegführen würde von diesem perfekten Moment. Diesem Ort. Unserem Ort. Nie würde dieser Ort jemand anderem gehören können als uns. Das war klar.
Der Schnee hatte unsere Fußspuren bereits wieder zugedeckt und wir waren quasi gefangen in diesem Moment. Das Schicksal versuchte uns zu sagen, dass wir hier hin gehören würden und man auf uns aufpassen würde. Und doch war er schon vorbei als wir noch darum kämpften. Das Leben gewann uns wieder. Schon durch das pure Nachdenken darüber hatten wir ihn beendet. Leidenschaft und Trauer in unseren Blicken und doch eigentlich Freude. Wir sahen uns an. Unsere kalten Nasen und Stirnen berührten sich. Ich hörte ihren Atem und war dankbar dafür zu wissen, dass ich ihren Atem dazu gebracht hatte diesen Takt anzuschlagen. Ich hielt sie. Niemals wollte ich sie loslassen und doch musste ich es. Die Welt zwang uns dazu. Die verdammte Welt, die so viele Komplikationen bereithalten sollte.
Gäbe es ein Happy End, so würde die Welt stillstehen bleiben in genau dem Moment, bevor sich unsere Lippen das letzte Mal leidenschaftlich voneinander lösten und ich mir ihre Farbe noch mal genau einprägte. Ich würde immer sehen können, wie das kalte Licht der Laternen eine schimmernde Aura um sie bildete. Wie sie auch von innen heraus strahlte und wie ihre Wangen in die Nacht glühten. Und wie ihr Atem dampfend aus ihren Lippen in die Welt stieg.
Doch die Welt dreht sich weiter und der Moment ist schon lange vergangen. Als wir gingen gingen wir eine Zeitlang nebeneinander her und dann trennten sich unsere Wege. Der Schnee musste ohnmächtig dokumentieren, wie unsere Schritte uns immer weiter auseinander trieben. Immer wieder stockend und umdrehend und doch stetig.
Längst schon ist der Schnee geschmolzen und doch brennt noch immer dieses Feuer irgendwo in einer stillen Ecke. Eine Flamme die niemals verlöschen wird. Ein kleines Stück Wirklichkeit im Mantel der Zeit. Warm und weich. Nicht mehr lodernd und doch mich immer schützend. Ein perfekter Moment in der Vergänglichkeit dieser Welt.
Mittwoch, 16.April 2008 um 5:12
Schnee! Ich liebe Schnee…und dieses Gequartsche wenn darauf läuft. Winter wo warst nur letztes Jahr???
Mittwoch, 16.April 2008 um 7:36
Jetzt hab ich lange überlegt, ob ich kommentieren soll. Kennst mich nicht, was soll also mein Kommentar bringen. Dein Blog ist jedoch wirklich abwechslungsreich und interessant und gerade dieser Beitrag ist so schön, da muss ich einfach was loswerden.
Andrea
Ich wünsche Dir, dass es ein erlebter Moment ist und nicht “nur” ein erdachter. Du beschreibst die Gefühle und die Stimmung so fein und so intensiv, dass sie beim Lesen überspringen.
Lieben Gruss aus dem Schnee
Mittwoch, 16.April 2008 um 8:40
Ich kann mich nur anschliesen, hoffe du hast diesen Moment erlebt. Du hast es wirklich super geschrieben, geht echt unter die Haut
Mittwoch, 16.April 2008 um 9:07
@ Gigi dag
Keine Bange. Ich war in Kiel und hab genauso wie du nur dieses “Gegrissel” erlebt, das sich da vom Himmel ab und zu auf die Straße ergossen hat.
@ Andrea
Ich freue mich über wirklich jeden Kommentar und vor allem, wenn ich jemanden, der mich nicht kennt, dazu animieren kann sich mein Geschreibsel durchzulesen.
Daher danke ich dir wirklich sehr für deinen Beitrag. Ich freue mich vor allem, dass die Geschichte offenbar wirklich funktioniert. Mal sehen ob ich mal mehr schaffe zu schreiben.
@ Jana
Danke. Das bedeutet mir wirklich viel. Vor allem da meine Freundin das hier als romantischen Kitsch abgetan hat.
Mittwoch, 16.April 2008 um 9:26
Also Sonja, das ist doch urromantisch…!!!
Mittwoch, 16.April 2008 um 10:04
@ Jana
Genau. Gibs ihr.:)
Mittwoch, 16.April 2008 um 11:03
Hallo Schonzeit (kann man Dich echt so anreden? klingt komisch, ohne Anrede noch komischer, ähh, vom Thema abekommen, sorry.)
Schön, dass Du Dich auch über Kommentare freust und vielen Dank für Deinen Gegenbesuch *freu*
Also wenn mein Allerliebster sowas schreiben würde, dann wäre ich überglücklich…es sei denn, ich wäre nicht “sie” in der Geschichte…;-) Liebe Grüsse Andrea
Mittwoch, 16.April 2008 um 11:48
@ Andrea
Wer die Frau ist ist ja hier erstmal unwichtig. Ich schreibe viele Sachen, die mit der Realität nicht viel zutun haben. Es ist ja nicht so, dass meine Freundin nicht sagte, das es wohl nett ist, sie sagte aber in nem Buch hätte sie die Seiten überblättert.
Ich hab gern bei dir vorbeigesehen. Vielleicht schneie ich mal öfter rein.
Was die Anrede angeht. Ich bin gern Schonzeit. Ich bin ungern Herr sowieso. Herr passt einfach nicht zu mir.
Mittwoch, 16.April 2008 um 14:36
Uh, dieses “Herr” hasse ich auch ^^
Mittwoch, 16.April 2008 um 14:40
Also wenn du ein Buch schreibst kauf ich es… Herr Schonzeit
Mittwoch, 16.April 2008 um 15:16
@ Gigi Dag
Ekelhaft. Dabei komme ich ja langsam in das Alter wo man mich mehr siezt als duzt.
@ Jana
Vielen Dank Frau Jana. Ich halte dich auf dem Laufenden. Bekommst auch ne Widmung.
Donnerstag, 17.April 2008 um 16:13
ich überlege ob ich technisch eine “Hörbuch” Version hiervon umsetzen kann ohne mich oderdas Internet ernsthaft zu verletzen.
Montag, 21.April 2008 um 20:35
Ich danke Dir für diesen wunderschönen Tagtraum tausend Jahre später…
Montag, 21.April 2008 um 20:36
Bruderherz, mit Abstand Dein allerschönster Text! Ehrlich!!! Mach was aus Deinem Talent…
Mittwoch, 23.April 2008 um 16:37
@ Alt und Weise
Das ist wirklich gern geschehen. ich freue mich sehr, wenn meine künstlerische Ader funktioniert.
@kleines Schwesterchen
Ich arbeite dran. Harry Potterkann ich nur leider nciht mehr erfinden. Immer diese vorzeitigen Abgucker.
Montag, 30.Juni 2008 um 20:25
Immer wieder schön, Dein Text.
Montag, 30.Juni 2008 um 22:26
@ Sichtfeld78
Vielen Dank Frau Sichtfeld. *giggel*
Dienstag, 1.Juli 2008 um 12:30
Du sollst Dich nicht lustig machen. Und lass bloß das “Frau” weg, Herrrrrrr Schonzeit!
Ich mach Dir nochmal ´n Kompliment…
*schmoll*
Dienstag, 1.Juli 2008 um 13:01
Ich mach mich nicht wirklich lustig über dich. ich amüsiere mich mit dir un freue mich darüber, dich im Kris der Blogger zu begrüssen. Hoffe du hast viel Spaß an deiner Seite.