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Schauspielhaus Kiel - Der Besuch der alten Dame

Verfasst von Schonzeit am Freitag, 16.Mai 2008

Im diesjährigen Repertoire des Kieler Schauspielhauses befindet sich unter anderem das Stück „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt.

Das Stück an sich ist klassisch, wie auch modern zugleich.

Die Multimilliardärin Claire Zachanassian, geb. Klara Wäscher kehrt nach einem abwechslungsreichen Leben in Luxus in ihren Geburts- und Heimatort Güllen zurück. Die anfängliche Freude des kleinen Ortes über die Anreise der Reichen Tochter der Stadt weicht recht schnell blankem Entsetzen. Diese macht der finanziell gebeutelten Bevölkerung ein unmoralisches Angebot. 1 Milliarde verspricht sie dem Ort für das Leben des Mitbürgers Alfred Ill.

Ill hatte in der Jugendzeit eine Liebschaft mit Klara Wäscher und zeugte mit ihr ein Kind, welches er vor Gericht verleugnete. Mit falschen Zeugen gewann er diesen Prozess und die mittellose Klara verließ den Ort um genug Geld für ihr Kind aufzubringen. Das Schicksal machte sie zu einer Hure, die sich einen reichen Multimilliardär angeln konnte. Viele Ehemänner später ist das Leben für Claire einfach geworden. Was sie möchte, das erhält sie auch.

So ist sie sehr zuversichtlich, dass das Kopfgeld auf Alfred Ill seine Wirkung nicht verfehlen wird. Die Stadt zuerst empört über das Angebot verliert sich immer mehr in fadenscheinigen Argumentationen über Recht und Unrecht.

Ill wehrt sich gegen dieses Schicksal und findet zuerst auch Anklang. Doch immer mehr muss er sehen wie sich die Stadt schmückt mit dem zu erwartenden Reichtum und wie man immer weiter von ihm abrückt. Schließlich gibt er sich geläutert seiner Strafe hin und stirbt durch die Hand der Bevölkerung.

Das Kieler Ensemble fährt mit dem Dürrenmatt Stück und seiner Inszenierung schwere Geschütze auf. Mit 14 Leuten auf der Bühne schafft man sich die kleine Welt des idyllisch verödeten Güllen aus Dürrenmatts Visionen. Nicht so viel wie ursprünglich vorgesehen aber für die Handlung mehr als ausreichend und schön umgesetzt kommt „Der Besuch der alten Dame daher“

Die schauspielerischen Darbietungen sind diesmal wieder sehr gut gelungen. Besonders zu erwähnen in meinen Augen Andrea Schöning, die für diese Rolle als Gast ans Kieler Schauspielhaus zurückkehrt, als Claire/Klara und Immanuel Humm als der zum Tode verurteilte Alfred Ill. Beide bestechen durch ihre Identifikation mit der Rolle und der Situation. Liebevolle Kälte und massive Wut in beiden kommt immer dann zielgerichtet zum Einsatz, wenn das Szenario es erfordert.  Auch der von mir ansonsten verschmähte David Allers fällt diesmal positiv auf. Er bringt den affektierten Journalisten so gut rüber, dass man fast meinen möchte, Allers hätte sich zwei Wochen lang nur intensiv mit Peter Klöppel befasst.

Die Inszenierung an sich besticht durch die Einfachheit. Zu Anfang ist der kleine Ort eher öde. Bierkisten dienen als Sitze, kleine Plastikblümchen und abgewetzte Polizisten zieren das Bild. Nach und nach verändert sich die Szenerie. Die Blumen werden größer, die Kisten weichen Stühlen. Der Polizist kleidet sich neu ein und die Kirche erhält eine neue Glocke. Und doch bleibt immer die Schmierigkeit der Kleinstadt zu erkennen, die immer mehr und mehr vom Sittenverfall überschattet wird.

Die einzig wirkliche Konstante im ganzen Stück ist Alfred Ill, der sich nicht verändert, wohl aber die Art und Weise wie man ihn zu sehen hat als Zuschauer und auch als Mitbürger der Stadt. Im moralischen Verfall bleibt der „Angeklagte“ bis zum bitteren Ende die einzig wahre moralische Instanz, die ihre Fehler eingesteht und dafür büßt.

Ein wirklich abwechslungsreiches Stück voller Emotion von heiteren Momenten bis zu tiefer Bedrückung. „Der Besuch der alten Dame“ ist aktueller denn je. Steht als große Aussage doch über dem Stück:

„Jede Gerechtigkeit hat einen Preis und jeder Mensch auch.“

2 Antworten zu “Schauspielhaus Kiel - Der Besuch der alten Dame”

  1. andrea2007 sagt:

    Lieber Herr Schonzeit, das Stueck hab ich auch mal in einem Theater gesehen und ich weiss noch, dass es mich sehr beeindruckt hat. ich muss gestehen, ich weiss nicht mehr, wie es ausgeht, muesste ich mal wieder nachlesen. von Duerenmatt mag ich auch “die Physiker”. Lgr Andrea

  2. Schonzeit sagt:

    @ Frau Andrea
    das Stück ist wirklich herrlich. Vor allem in dieser Inszenierung, was dir ja nix nützen dürfte. “Die Physiker” selbst habe ich noch nicht gelesen. Will ich schon seit Jahren, aber… ach irgendwas ist immer.

    Aber danke noch mal für den Tipp.

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